Bericht aus "Reich mir die Pfote", Ausgabs 02/09

Ich begleite einen blinden Hund - Teil 2

Sky & UnkasFast ein Jahr lebt unser Blindflieger Sky nun schon bei uns. Wäre er nur blind, würde es niemand merken, Sky ist außerdem einseitig taub – aber auch das merkt kaum jemand.

Manchmal wundern sich andere über unsere Form der Kommunikation, z.B. die Warnung „Hund kommt“ oder der Hinweis „linke Seite“ / „rechte Seite“, obwohl er in Sichtweite ist. Für uns ist all das zur Gewohnheit geworden.

Die Reaktion anderer ist meist bemitleidend, dabei gehört gerade das zu den Dingen, die Sky gar nicht braucht. Er ist kein armer, behinderter, pflegebedürftiger Hund und wer ihn kennt, weiß das.

Als wir ihn zu uns nahmen, hatte ich keine genaue Vorstellung von dem, was trotz seiner Behinderung möglich sein würde, heute weiß ich, dass sie ihn kaum behindert. Sky brauchte einige Zeit, aber dann entwickelte er eine große Bereitschaft, sich auf seine neuen Menschen einzulassen. Er lernte schnell und „saugte“ alles auf, was wir ihm zeigten.

Inzwischen ist es Sky, der meinen anderen Hunden Unsinn beibringt und er hat einiges auf Lager. Neuerdings kann er unsere Windfangtür öffnen. Das ist eigentlich nicht schlimm, wenn die Hunde jetzt allerdings „Pfote in Pfote“ arbeiten, sind sie im Garten, denn meine Berner Sennenhündin Trixi schafft es, die Eingangstür zu öffnen.

Sky hat sich von einem teilnahmslosen zu einem selbstbewussten Hund entwickelt, der nur noch ganz selten in Panik verfällt oder übertrieben ängstlich reagiert. Sky zeigt, was „blindes Vertrauen“ ist.

Die Liste der Dinge, die er inzwischen gelernt hat, ist lang.

Er beherrscht die Richtungskommandos „linke Seite“, „rechte Seite“, „vor“ (für geradeaus vorlaufen), zurück“ (für umdrehen und dann geradeaus laufen), „Platz“, „Platz auf Distanz“ (ganz wichtig, um ihn jederzeit bei Gefahr ablegen zu können), „Touch“ (für engen Kontakt, Anstupsen der Hand mit der Nase), „Hier“ (das klassische Vorsitzen, nur auf dem Hundeplatz), „Rum“ (Herumlaufen nach dem Hier), „Aufpassen“ (er verlangsamt sein Tempo und läuft vorsichtiger), „Aus“ und „Fuß“ (wobei er immer noch zu weit hinten läuft).

Als uns Sky zeigte, dass er gerne lernt, wollten wir eine Hundeschule besuchen. Dass es ein Problem sein könnte, mit einem behinderten Hund in einer normalen Gruppe zu trainieren, hätte ich nicht gedacht. Dennoch waren wir nicht überall willkommen. Wir haben die richtige Hundeschule schließlich doch noch gefunden, nämlich die, wo man mich überzeugt hat, dass auch ein blinder Hund ein „Touch“ lernen kann und wie man sein Hüteverhalten kontrollieren kann – das ist optimale Förderung.

Inzwischen waren wir mehrfach mit Sky verreist. Ich habe mir anfangs große Sorgen gemacht, ob er sich in einer fremden Umgebung zurecht finden wird. Kurz vor der Abfahrt habe ich in einer Hals-über-Kopf-Aktion eine faltbare Transportbox gekauft. Jetzt ging es mir besser. Bei der ersten Reise habe ich auch davon Gebrauch gemacht, ob Sky das gebraucht hat, weiß ich nicht.

Bei der zweiten und dritten Fahrt habe ich die Box auch noch aufgebaut, Sky aber wollte am Geschehen teilnehmen und so steht die Box inzwischen auf dem Dachboden. Umsonst ? Nein, umsonst war sie nicht, denn ich habe sie für MEINE Sicherheit gebraucht. Die Vorstellung, dass ein blinder Hund immer an der Leine laufen muss ist weit verbreitet. Ich denke das kommt daher, dass wir uns nicht vorstellen können, was eine Hundenase leisten kann.

Die wichtigsten Kommandos im Freilauf sind die Richtungskommandos, gerade in fremder Umgebung. Diese Hilfestellung braucht er aber weniger wegen seiner Blindheit sondern wegen des fehlenden räumlichen Hörvermögens. Wenn er eine Wegabzweigung verpasst hat, darf ich ihn nicht direkt zu mir rufen, denn er kann die Richtung nicht zuordnen. Also rufe ich zunächst „zurück“ und in Höhe des Weges „linke bzw. rechte Seite“. Das kann er verstehen. Er läuft also nicht quer durch (Luftlinie), wie jeder andere Hund es machen würde. Manchmal läuft er falsch, dann korrigiere ich ihn mit einem „Nein“ und wiederhole die Richtung. Wenn es gar nicht funktioniert, rufe ich ihn ins Platz und hole ihn ab. Wenn ich ihn nicht rufen will, weil ich möchte, dass er von allein hinterherkommt und den Anschluss nicht verliert, dann gebe ich Unkas, meinem anderen „Aussie“, das Kommando „Wo ist Sky?“, woraufhin Unkas sofort losbellt. Darauf reagiert Sky immer!

Ich habe also eine Vielzahl von Möglichkeiten, die ich situationsbedingt einsetze, warum sollte er nicht frei laufen?

Wir sind viel auf Waldwegen unterwegs, aber nur ganz selten läuft Sky gegen einen Baum. Bisher kam es, abgesehen von dem Bruch einer Zehe gleich am Anfang, erst ein Mal zu einem schlimmeren Aufprall, der, weil er das Auge betraf, ärztlich versorgt werden musste.

Es sind Situationen, in denen er spielt und nicht so aufmerksam ist. Natürlich könnte ich dies verhindern, wenn ich ihn an der Leine führen würde, aber ich würde ihn einer großen Lebensfreude berauben und er würde vermutlich an Sicherheit verlieren. In fremdem Gebiet, an der Straße oder dort , wo es zu gefährlich ist, ist er natürlich angeleint.

Wenn ich überlege, wo nun die Grenzen sind, dann fällt mir nicht viel ein, denn eigentlich sind es immer nur kleine Hilfestellungen, die er braucht, sei es der Griff ins Geschirr an fremden Treppen oder das Klopfen auf den Kofferraum, das „Zeigen“ eines fremden Hotelzimmers.

SkyAll das schränkt aber weder Sky noch mich ein. Ich würde keinen Hundesport mit ihm machen, auch wenn man ihm sicher einen Agility-Parcour beibringen könnte, den er blind läuft. Die wechselnden Parcours im Agility wären für ihn verwirrend, das Verletzungsrisiko unnötig groß. Jeder Fehler von mir in der Navigation hätte Folgen für den Hund.

Meine Beobachtungen, was den Umgang mit anderen Hunden angeht haben natürlich keine Allgemeingültigkeit, sie betreffen nur meinen Hund, ob andere blinde Hunde sich genauso verhalten, kann ich nicht beurteilen.

Um es vorweg zu nehmen, wir haben in dem Jahr nicht eine Beißerei oder irgendeinen nennenswerten Konflikt mit anderen Hunden gehabt.

Sky läuft im Wald frei und darf sich normal bewegen, also auch andere Hunde begrüßen. Auf wildere Zeitgenossen weise ich ihn mit der Hilfestellung „Hund kommt“ hin.

Er wedelt oder beschwichtigt nicht, wenn er auf andere Hunde zugeht, logisch – er sieht sie ja nicht und je nachdem aus welcher Richtung der Wind kommt, konnte er sie auch nicht, oder erst spät bemerken. Wird jemand aufdringlich, knurrt er, zieht die Lefzen hoch, stellt die Nackenhaare hoch.

Auffällig ist, dass Sky sich nicht unterwirft, diese Geste scheint ihm, Hunden gegenüber, fremd zu sein. Das muss aber nicht zwangsläufig an seiner Blindheit liegen, sondern weist eher auf eine fehlende oder mangelnde Sozialisierung in der Prägungsphase hin. Statt sich zu unterwerfen, wendet er die Körperseite und den Kopf ab und geht aus der Gefahrensituation, er weicht aus.

Mit dem distanzlosen Verhalten von Welpen kommt er nicht gut klar. Er knurrt und droht, wird das ignoriert schnappt er auch. Seine Toleranzgrenze, wenn jemand um ihn herumhüpft, ist nicht sehr groß. Deshalb muss ich dieses Verhalten kontrollieren, indem ich seine Aufmerksamkeit auf mich lenke. Ich kenne Sky’s „Beuteschema“ inzwischen sehr gut, nutze meinen Vorteil, dass ich die „vermeintlichen Opfer“ schon von Weitem sehe und kann somit entsprechend reagieren. Die Arbeit „an diesem Problem“ verläuft genauso wie bei einem sehenden Hund. Gute Erfolge habe ich in diesen Situationen mit dem Clicker gemacht.

Bei sehr dominanten Hunden greife ich in der Regel ein, das mache ich bei meinen sehenden Hunden aber auch, wenn es erforderlich ist. Sky ist also nicht mehr oder weniger schwierig als andere Hunde, es gibt, wie bei sehenden Hunden auch, Situationen, die man kontrollieren muss. Sein angeborenes Hüteverhalten in Kombination mit der Blindheit ist alles andere als optimal. Er hat seine „Macken“, wie wohl fast jeder Hund.

Es war ein aufregendes, spannendes Jahr, in dem nicht nur Sky viel gelernt hat. Ich höre heute auf Geräusche, die ich früher nie beachtet hätte und mein Blick auf unseren Spaziergängen ist geschärft für potentielle Gefahren. Ich bin geduldiger geworden und musste lernen mit meiner Stimme so umzugehen, dass sie ohne Blickkontakt und Körpersprache verständlich wird.

So wurde z.B. bei einer Bronchitis, die mir „die Sprache verschlagen hatte“ deutlich, wie gut es war, dass ich ihn zusätzlich auf die Pfeife konditioniert habe. In solchen Situationen zeigt sich, dass manches bei ihm etwas anders ist, aber bisher haben wir noch immer eine Lösung gefunden.

Er ist genau richtig, so wie er ist und ich hoffe, dass er ein glücklicher Hund ist – wir sind es mit ihm, ganz bestimmt.

 

 

Petra Herrmann

Quelle: http://www.reichmirdiepfote.de