Bericht aus "Reich mir die Pfote", Ausgabs 01/09
Ich begleite einen blinden Hund
Im März 2008 absolvierte ich die Prüfung zur Hundephysiotherapeutin bei Katrin Vosswinkel in Kirchlengern.
Schon während der Ausbildung habe ich immer wieder erwähnt, dass, wenn ich die Prüfung bestehe, ich mir noch einen Hund schenke.
Dahinter stand der Wunsch, einem Hund mit nicht so guten Vermittlungschancen ein Zuhause zu geben.
Mein Mann war skeptisch. Er wollte gern noch einen Aussie, einen Redmerle zu unserem Bluemerle. Wir hatten oft darüber gesprochen und den Gedanken an einen 3. Hund dann eigentlich immer wieder verworfen – EIGENTLICH !
Zwei Wochen nach der Prüfung zog Sky bei uns ein – ein Aussie, redmerle, ca. 1 Jahr alt, der Tierheimbeschreibung nach blind und fast taub, nicht stubenrein, kann nicht alleine bleiben, wurde in der letzten Familie nach 2 Tagen abgegeben, weil er nach einem Kleinkind geschnappt hat. Wo er davor war weiß man nicht aber er ist als Welpe wohl schon durch mehrere Hände gereicht worden. Er saß 7 Monate im Tierheim. Also ein Hund mit den besten Vermittlungschancen. Ich hatte ihn kurz vor der Prüfung entdeckt und wusste sofort „Das ist mein Hund !“ Es folgten einige Telefonate mit dem Tierheim. Man beantwortete geduldig meine Fragen. Man testete die Autotauglichkeit, denn wir mussten ca. 650 km zurück nach Berlin, für einen Hund, der vorher noch nie im Auto gefahren ist eine lange Strecke. Natürlich stellte man uns auch Fragen, denn Sky’s nächstes Zuhause sollte für immer sein. Es schien auf beiden Seiten alles zu passen und so machten wir uns am Karfreitag mitten in der Nacht auf, um unseren Aussie nach Hause zu holen.
Als wir nach langer Fahrt endlich im Tierheim ankamen, war ich sehr aufgeregt. Was würde mich erwarten ? Wie wird er reagieren ? Wie sieht er aus, denn ich hatte ja bisher nur zwei Fotos gesehen, auf denen er noch jünger war ? Wie würden meine Hunde auf ihn reagieren ?
Mir schossen 1.000 Fragen durch den Kopf – Sky zerschlug sie alle mit seinem Auftritt ! Ein kleiner, völlig chaotischer Aussie wurde in die Vorhalle gebracht.
Wir hielten uns erst mal zurück, denn Sky war damit beschäftigt, seine beiden Bezugspersonen des Tierheims freudig zu begrüßen.
Unsere beiden anderen Hunde führten wir zunächst einzeln in die Vorhalle des Tierheims, um jeden Hund für sich besser beobachten zu können. Beide Hunde schienen mit der Situation klarzukommen – ich hatte nichts anderes erwartet. Nach einem gemeinsamen Spaziergang war schnell entschieden, dass kein Problem so groß sein könnte, dass wir ihn nicht mitnehmen würden.
So erledigten wir die Formalitäten und haben ihn, nach 2-stündigem Aufenthalt, vom Fleck weg regelrecht entführt.
Vor uns lagen mindestens 6 Stunden Fahrt. Sky jaulte die ersten 10 Minuten, dann war er still – es war fast unheimlich. Vielleicht hat er gespürt, dass dieses Leben jetzt vorbei war und ein Neues für ihn beginnen sollte.
Die ersten Tage waren schwierig. Sky wollte nicht fressen, obwohl er extra Futter aus dem Tierheim mitbekommen hatte. Er litt an Harnverhalten, löste sich nur 2x in 24 Stunden, egal wie oft wir ihm dazu Gelegenheit gaben. Das erschwerte die Sauberkeitserziehung.
Meine Hündin knurrte ihn an, wann immer er in ihre Nähe kam. Man konnte fast den Eindruck haben, sie legte sich absichtlich genau in den Türrahmen.
Mein Aussie hätte ganz offensichtlich auch auf den Neuen verzichten können. Er zog sich zurück und genau das machte mir Sorgen, denn er gilt in unserer Familie als „Mamahund“, ist immer in meiner Nähe.
Sky entdeckte schnell, dass man durch eine offene Zwischentür bei uns im Kreis laufen kann und er drehte seine verzweifelten Kreise. Jetzt tat er mir das erste Mal leid, aber nicht wegen seiner Behinderung, sondern weil er so unglücklich zu sein schien. Er brauchte Zeit und ich brauchte Zeit um ihn kennen zu lernen und seine Signale zu verstehen. Jeden Tag wurde es in wenig besser. Innerhalb von 14 Tagen war er stubenrein, er löste sich häufiger und fand sich gut im Haus zurecht.
Mein Wissen aus der Ausbildung erleichterte mir die Kontaktaufnahme. Dass ängstliche, gestresste und verhaltensauffällige Hunde durch Massagen positiv zu beeinflussen sind, hatte ich erst kürzlich gelernt. Dass der Erfolg so groß ist, hätte ich nicht gedacht. Da Sky blind und im Hörvermögen eingeschränkt ist, musste ich es schaffen, dass er sich stressfrei anfassen lässt, denn sonst konnte eine Erziehung über Körperzeichen keinen Erfolg haben. Aber an Erziehung war zunächst noch nicht zu denken. Sky musste erst mal ankommen. Also übte ich mich in Geduld und beschränkte mich darauf ihm Nähe, Wärme und Streicheleinheiten zu geben, all das, was bisher in seinem Leben zu kurz kam. Über sanfte Massagegriffe bekam ich schnell Zugang zu ihm. Er fing bald an, die Anwendungen zu genießen.
Bei den Ausstreichungen achtete ich von Anfang an darauf, alle Körperteile, also auch den Kopf mit einzubeziehen, denn über Körperzeichen am Kopf wollte ich später mit ihm arbeiten. Sanfte Zirkelungen und leichte Knetungen ließ er ebenfalls zu. Sobald er sich jedoch bedrängt fühlte, flüchtete er, doch bald legte er sich auf die Seite und aus der anfänglichen Kontaktaufnahme mit einem Brummkreisel wurde schon bald eine “richtige“ Massage. Erst jetzt hatte ich die Möglichkeit an seinem Gangbild zu arbeiten. Die Hinterläufe setzten links versetzt hinter den Vorderläufen auf. Die schiefe Wirbelsäulenstellung kam vermutlich von den ewigen Rechtskreisen. Die Wirbelsäule neigte dazu, sich aufzukrümmen. Die Hinterläufe waren sehr breit gestellt, während die Vorderläufe fast voreinander aufsetzten. Die Unsicherheiten beim Laufen spiegelten sich in seinem Gangbild wieder. So wurde Sky mein 1.Patient.
Zu allem Überfluss brach er sich nur 2 Wochen nach seiner Ankunft eine Zehe am linken Hinterlauf. Die schlecht trainierte Muskulatur konnte Fehltritte nicht gut abfangen. Mit dem Bruch kam Sky jedoch erstaunlich gut zurecht. Dank des Erste-Hilfe-Kurses während der Ausbildung konnte ich ihm die Verbände allein wechseln. Dass dieses Wissen so schnell Anwendung finden würde, hätte ich nicht gedacht.
Trotz des Bruches baute Sky langsam ganz von selbst eine bessere Muskulatur auf, denn bedingt durch die beiden anderen Hunde hatte er vermutlich immer noch deutlich mehr Auslauf als im Tierheim. Die überbelasteten Strukturen wurden von mir unter Aussparung des linken Hinterlaufs abends auf dem Sofa versorgt, besonders die Wirbelsäulenmuskulatur. Die Rechtsdrehungen versuchte ich möglichst sanft zu unterbrechen, indem ich ihn mit der Hand stoppte.
Ich beübte die Lateralflexion der Wirbelsäule nach links, denn nach rechts drehte er sich ja von allein. Ziel war ein möglichst normales Gangbild. Wir bauten kleine Übungen in unsere Spaziergänge ein, die auch meinen beiden anderen Hunden viel Spaß machten.
Nach 4 Monaten hat Sky einige überflüssige Pfunde verloren und hat deutlich Muskulatur an den Vorder- und Hintergliedmaßen aufgebaut. Die Hinterläufe fußen kurz hinter den Vorderläufen auf und nicht mehr seitlich daneben.
Rechtskreise läuft er nur noch in fremder „Ich begleite einen blinden Hund“ Umgebung oder wenn er Stress hat. Sein Gangbild hat sich deutlich verbessert. Sein Gang ist insgesamt jedoch tastender, vorsichtiger als der von sehenden Hunden. Insgesamt ermüdet er schneller und verliert schneller die Konzentrationsfähigkeit als meine anderen Hunde, wenn man jedoch bedenkt, wie anstrengend Fährtenarbeit für sehende Hunde ist, ist dies nicht verwunderlich, denn Sky leistet täglich deutlich mehr Nasenarbeit als andere Hunde.
Sky’s Augen wurden von zwei Augentierärzten untersucht. Danach ist Sky vollkommen blind. Der Graue Star wäre operabel, die Erfolgsaussichten aufgrund der anderen Missbildungen des Auges sind jedoch als sehr gering einzustufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Gehirn die Reize noch in ein bewusstes Sehen umsetzen kann, wurden ebenfalls als minimal eingeschätzt.
Nach einem zweiten Tierarzt-Besuch bei einer anderen Augen- Spezialistin kamen wir, in Übereinstimmung mit der Ärztin zu der Entscheidung, ihn nicht operieren zu lassen.
Nachdem Sky sich bei uns eingelebt hatte, hatten wir zunehmend den Eindruck, dass sein Gehör immer besser wird. Er reagiert sensibel auf den Klang der Stimme, ist meist als erster an der Tür, wenn jemand kommt und hört in der Wohnung auch sehr leise Geräusche. Draußen scheint er mein Rufen ebenfalls zu hören, mich aber nicht finden zu können. Für einen fast tauben Hund fanden wir all das recht untypisch und entschlossen uns eine audiometrische Messung durchführen zu lassen, um endlich Klarheit zu bekommen. Das Ergebnis passte genau zu meinen Beobachtungen, denn Sky ist einseitig taub. Er hat somit kein räumliches Hörvermögen. Der Tierarzt erklärte uns, dass das Gehirn lernt MONO zu hören und dass Sky dies genau jetzt lernt, da er vorher dazu kaum Gelegenheit hatte. Das erklärt auch, warum er zunehmend besser zu hören scheint.
Er lernt nun Kommandos wie Stopp, Vorsicht, Treppe, links und rechts, damit ich ihn im Freilauf besser leiten kann. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.
Die Arbeit mit ihm macht Spaß, denn er ist fast immer bemüht alles richtig zu machen. Hat er eine Übung verstanden, führt er sie mit Begeisterung aus – fast ein kleiner Streber. Damit auch meine beiden großen Hunde nicht zu kurz kommen, habe ich mit ihnen die Kommunikation auf Sichtkommandos ausgebaut. Sie haben schnell gemerkt, dass diese Aufmerksamkeit nur ihnen gehört und beobachten mich seitdem besser, um ja nichts zu verpassen. Beim Lernen sind Trixi und Unkas für Sky eine große Hilfe. Denn Vieles lernt Sky von ihnen wie von selbst, weil er es sich „abguckt“ (übrigens auch den Unsinn!). Wird er bedrängt, gehen sie dazwischen. Verliert er die Orientierung schlägt Unkas auf Kommando an. Auf sein Bellen reagiert Sky inzwischen sehr gut und findet leichter zu uns zurück.
Ist Sky verunsichert, bleibt er meist stehen. Er braucht dann viel verbale Führung und Aufmunterung, um sich wieder weiter zu trauen. Findet er mich nicht gleich läuft er aufgeregt hin und her oder läuft Kreise. In dieser Situation habe ich schnell gemerkt, dass ihn mein Ruf noch unsicherer macht. Ich laufe ihm dann entgegen und versuche mich in eine Position zu bringen, aus der er mein Rufen besser zuordnen kann, also möglichst in gerader Linie hinter oder vor dem Hund und auf gleicher Höhe, ich hocke mich dann also hin. Diese kleine Hilfestellungen und die Tatsache, dass er von sich aus bemüht ist bei uns zu bleiben, erleichtern uns die gemeinsamen Spaziergänge und ermöglichen ihm ein Maximum an Freiheit. Schon nach kurzer Zeit konnte ich ihn ohne Leine laufen lassen (natürlich nicht an der Straße).
Bis zu Sky’s Einzug hatte ich noch keine Erfahrungen mit blinden oder tauben Hunden. Wenn ich gefragt wurde, wie ich mir das vorstelle, hatte ich kein Patentrezept für seine Erziehung parat. Ich war von Anfang an überzeugt davon, dass man mit Vertrauen und ganz viel Liebe ALLES erreichen kann. Ich habe versucht mich in ihn hineinzudenken. Ich nutze zum einen die Dinge, die mir der Hund von sich aus anbietet, zum andere versuche ich ihm Ängste zu nehmen und seine Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Ich glaube, dass ich sein Interesse und den Spaß am Lernen geweckt habe und der Rest ...? Der ergibt sich fast von allein. Als wir ihn zu uns nahmen, haben wir uns vorrangig um seine körperlichen Handicaps Gedanken gemacht. Als weitaus schwieriger erwiesen sich die seelischen Spuren, die sein früheres Leben hinterlassen hat. Seine Ängste und panischen Reaktionen haben mich manchmal an den Rand der Verzweiflung gebracht. Aber er überrascht mich jeden Tag aufs Neue. Er ist ein fröhlicher Hund geworden und ich beobachte mit Freude, wie er ständig an Sicherheit gewinnt.
Mitleid?
Braucht er nicht.
Eine Herausforderung ?
Ja, die war es aber wohl eher für Sky als für
uns.
Unterstützung ?
Ja, natürlich braucht er vor allem verbale Unterstützung.
Erziehung ?
Unbedingt, wie jeder andere Hund.
Grenzen ?
Ja, natürlich auch die gibt es : Agility, Frisbee geht nicht – aber all diese Dinge scheint er bisher noch nicht zu vermissen.
Ein besonderer Hund ?
Nein, er ist genauso besonders wie jeder andere Hund auch, man muss ihm nur die Möglichkeit geben zu verstehen, was man von ihm will.
Lebensqualität ?
Wenn er das nächste Mal abends bei mir auf dem Sofa liegt, werde ich ihn fragen! Wenn er das nächste Mal mit Trixi und Unkas im Garten gespielt hat und sich erschöpft auf die Wiese legt, werde ich ihn fragen.
Wenn er das nächste Mal den Inhalt unseres Mülleimers in der Küche verteilt hat und mittendrin ein paar Pizzareste verzehrt, werde ich ihn fragen.
Wenn er mich das nächste Mal vor Freude anspringt, wenn ich nach Hause komme, werde ich ihn fragen.
Wie er das macht?
Ich weiß es selber nicht – er nutzt seine übrigen Sinne, allen voran den Geruchssinn.
Wir haben unsere Entscheidung noch nicht einen Tag bereut. Sky ergänzt mein Rudel auf seine ganz eigene Weise und hat damit so manchen Skeptiker in unserem Familienund Bekanntenkreis überzeugt – sie alle sehen ihn heute als das, was er ist: ein (fast) ganz normaler Hund.
Willkommen Zuhause, Sky !
Petra Herrmann
Quelle: http://www.reichmirdiepfote.de
